Blickwinkel auf die Finanzkrise
Nicht nur im Allgemeinen interessiert mich, wie es mit der Finanzkrise weitergeht, bis wohin ihre Ausläufer reichen werden und was uns noch erwartet. Als Dienstleister für den Bankensektor sind wir bei Sowatec natürlich gleichfalls an den Entwicklungen in unserer Kernbranche interessiert. Denn jede Entwicklung wird sich über kurz oder lang in den Auftragsbüchern niederschlagen. Ist die Krise der Banken eine Krise der Finanzen bzw. deren Instrumente? - Ein Ja als Antwort lässt sich aus dem Artikel der Zeit herauslesen, der letzte Woche erschien. Kurz zusammengefasst sieht der Artikel vor allem fünf Umstände für die Schwere der Krise bzw. für deren Anhalten: fragwürde Finanzvehikel wie z. B. Hedgefonds, Staatsverschuldungen, Finanzmarktspekulationen, Kreditversicherungen und die private Verschuldung (der US-Konsumenten).
Problem Nummer 1: In Hedgefonds scheint einer der Gründe für die an den Märkten fortschreitenden Wertverluste - trotz Rettungspakete etc.
Allein im dritten Quartal haben die weltweit rund 10.000 Hedgefonds 210 Milliarden Dollar, rund zehn Prozent, an Wert verloren – das berichtet der Informationsdienst Hedge Fund Research (HFR).
Zur Zeit sind Hedgefondsverwalter gezwungen, die diesen Instrumenten innewohnende Dynamik um einiges zu verschärfen. Sie müssen verkaufen. Entweder weil es besser ist, möglichst aus vielen Aktientiteln auszusteigen oder - und das ist noch weiter weg von den eigentlichen Bewertungen - weil sie die Forderungen von Investoren bedienen müssen. Hedgefonds geraten nicht nur wegen ihrer enormen Hebelwirkung immer wieder in die Kritik auch von Branchenkennern. Sie sind darüber hinaus intransparent und vor allem unkontrolliert. Das macht sie so schwer einschätzbar und kein Rating dieser Welt könnte die Risiken von Hedgefonds auch nur im Ansatz abbilden.
Zweites Problem, die galoppierende Staatsverschuldung, die sich in der verstärkten Inanspruchnahme von Hilfspaketen des IWF zeigt. Denn der verdankte nach 1945 seine Gründung dem Umstand, ein Instrument zu schaffen, das bei potentiellen Staatsbankrotten hilfreich in die finanzielle Bresche springen sollte. Seine derzeitige Wiederbelebung werten Experten als drohendes Damoklesschwert, das über kollabierenden Staatshaushalten schwebt . - Aktuelles Beispiel Island, dem der IWF jetzt eine 2-Milliarden-Aushilfe zusicherte. Nochmehr werden wohl der Ukraine und vor allem Ungarn in Aussicht gestellt, Pakistan und Weissrussland verhandeln bereits.
Als drittes werden findige Spekulanten als Verursacher der akuten Panik an den Börsenplätzen ausfindig gemacht. Das bringt die Wechselkurse und damit die Währungen unter Druck. Am Beispiel der Abwertungen des Yen in den letzten Jahren kann man recht einfach das Prinzip des Carry-Trading studieren - und seine wirtschaftliche Sprengkraft. Denn längst bestimmen nicht mehr die wirtschaftlichen Grundlagen über die Kraft einer Währung. Der Fall Japan zeigt das deutlich.
In Problem Nummer vier verweisen die Autoren des Artikels auf jene Blase, die noch nicht geplatzt ist: die Kreditversicherungen.
Die Probleme begannen damit, dass der Versicherungsanbieter im Gegensatz etwa zu Haftpflicht- oder Feuerschutzversicherungen keine Reserven für den Schadensfall bilden musste. Man konnte CDS also ohne Kapitaleinsatz ausgeben, und man konnte damit spekulieren. Bald wurden sie auch von Marktteilnehmern gekauft, die gar keine Anleihen besaßen, also gar nichts versichern wollten. Es ging nur ums Zocken. Seit ihrer Erfindung Ende der neunziger Jahre schwoll das Volumen ausstehender CDS auf 55.000 Milliarden Dollar an.
Wenn jene absichernden Instrumente versagen, die eigentlich dazu gedacht waren, Verluste an den Finanzmärkten zu versichern, dann werden einige Finanzmanager die Trompeten von Jericho hören.
Bleibt noch das fünfte Problem: die amerikanischen Privatschuldner. Deren Verschuldung ist in einem Masse gestiegen, dass man sich fragen muss, wie konnten Privatkredite in diesem Umfang gewährt werden. Da wird jahrein, jahraus das Loblied auf den amerikanischen Konsum angestimmt, der die Konjunktorlokomotive auf Kurs hält - und dann ist das alles nur gepumpt. Da kann ja jeder so tun, als hätte er Kaufkraft bis zum jüngsten Tag. Die Refinanzierung ihrer faulen Kredite wird die amerikanischen Kreditkartenbetreiber noch Blut und Schweiss und Tränen kosten, um einen englischen Staatsmann zu zitieren. Und sie werden die Latte für Privatkredite höher hängen. Einen amerikanischen Bürger, der auf Pump zu leben gewohnt ist, wird das den unverdienten Konsum endlich austreiben und schwupps droht der Dampflok der Brennstoff auszugehen. Wir wandern in eine ausgewachsende Rezession - nicht gerade das, was wir uns wünschen.
Alles in allem ein vielseitiger Artikel, der nach der Lektüre nicht wirklich Anlass gibt, einem so funktionierenden Finanzmarkt den Fortbestand in Frage zu stellen.
zum Zeit-Artikel “Die nächsten Fallen“.